Dass Schostakowitsch sein zweites Klavierkonzert in einem Brief an seinen Kollegen Edison Denisov als frei von „künstlerischen oder ideellen Werten“ abtat, dürfte weniger eine ehrliche Werkbeschreibung denn ein intelligenter Schachzug gewesen sein, um einer misslaunigen Kritik in der noch jungen Post-Stalin-Ära entgegenzuwirken. Vielmehr zeichnet sich das Konzert, das Vater Dmitri 1957 seinem Sohn Maxim zum Geburtstag schenkte, durch einen optimistischen Grundton, neoklassizistische Anleihen und lyrische Tiefe aus. Mit dem Spätwerk debütiert die 29-jährige Französin Nathalia Milstein, einst künstlerisch gefördert von András Schiff in dessen Nachwuchsprogramm „Building Bridges“, als Solistin bei den Bremer Philharmonikern.
Diese spüren in ihrer zweihundertsten Spielzeit zunächst jedoch der „Meeresstille“ und der „glücklichen Fahrt“ in Mendelssohns gleichnamigen Tonpoem nach. Im zweiten Teil des von Ulf Schirmer geleiteten Abends geht es an der Weser in ungeahnte Höhen: Die von Richard Strauss musikalisch erdachte Besteigung eines Alpengipfels steht an.
Jan Maier