Vor siebzig Jahren ernannten die Berliner Philharmoniker Herbert von Karajan zu ihrem Chefdirigenten, ihre Zusammenarbeit ist auf hunderten Tonträgern detailliert festgehalten. Gleichwohl ist der Fundus an Tondokumenten noch nicht erschöpft. In einer neuen Edition macht das Orchester erstmals sämtliche erhaltene Live-Radiomitschnitte der beiden Sender RIAS und SFB aus der Zeit von 1953 bis 1969 zugänglich. Alle Originalbänder wurden digital neu aufgelöst, der Geist der Zeit mit zunächst noch dünnem Mono-Klang und später fülliger werdenden Stereo-Produktionen transportiert sich dennoch mühelos. Herausgekommen ist eine 24-teilige Klangreise, die vordergründig Karajan-Liebhaber anspricht und eine gelungene Ergänzung zu den bekannten, bis in die kleinsten Nuancen ausgefeilten Studioaufnahmen darstellt.
Mit etwas Imaginationskraft finden aber auch Interessierte am Musikleben jener Epoche hier Schätze; die Sammlung lädt zum Konzertbesuch wie anno dazumal im heimischen Wohnzimmer ein. Ein Höhepunkt: das Eröffnungskonzert der Berliner Philharmonie im Oktober 1963 mit Beethovens neunter Sinfonie. Der Abend wurde zwar bereits mit brandneuer Stereotechnik aufgezeichnet, aber am Tag selbst noch in Mono auf zwei unterschiedlichen UKW-Wellen parallel ausgestrahlt. Wer also über zwei Radiogeräte verfügte, konnte schon ohne teure Stereoanlage den neuen Standard hören.

Herbert von Karajans „Klangzauber“ im Entstehen
Bedeutend ebenso die erste Kollaboration zwischen Karajan und dem Orchester nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier wird deutlich, wie sehr der mit geschlossenen Augen dirigierende Maestro und die im Klangbild noch von den dazu konträren Vorstellungen eines Wilhelm Furtwängler geprägten Instrumentalisten künstlerisch erst zueinander finden mussten. Die vorliegende „Eroica“ gerät risikoreich, die Dehnungen im Tempo wollen nicht so recht passen, gesetzte Akzente muten brachial an, die dynamische Ausgestaltung wirkt unausgewogen, die Bläser kommen gegen die dicken Streicher oft nicht durch – der später gern beschworene „Klangzauber“ ist allenfalls in Ansätzen zu erkennen. Und doch verfing der Auftritt im Steglitzer Titania-Palast im September 1953.
Die Edition dokumentiert prägnant jene Dekade des Aufbaus und des Generationenwechsels im Ensemble. Allen voran in den Holzbläsern stießen neue Musiker hinzu, die das Klangbild teils bis über die Karajan-Ära hinaus prägen würden. Man denke exemplarisch an Oboist Lothar Koch, der hier 1964 feinst artikuliert und mit warmem Ton den Solopart des Strauss-Konzerts stemmt. Eine Rarität ist ferner die wiederveröffentlichte und einzige Zusammenarbeit Karajans mit dem 25-jährigen Glenn Gould in Beethovens drittem Klavierkonzert. Diese gerät erstaunlich harmonisch und wenig manieriert, obgleich die Ausgewogenheit im Finale abnimmt.

Kenntnis- und anekdotenreiche Begleitessays
Das abgebildete Repertoire reicht von aus heutiger Sicht antiquiert wirkenden Bach-Interpretationen über das besonders gepflegte romantische Kernwerk und die frühe Moderne bis zu damaligen Neuheiten wie Rolf Liebermanns „Capriccio“, György Ligetis „Atmosphères“ und Aufnahmen in den Kanon des Orchesters, darunter Sergej Prokofjews fünfte Sinfonie.
Dem edlen Hardcover-Schuber der Edition liegt ein umfangreiches Begleitbuch bei, das neben historischen Bildern vier äußerst lesenswerte, da kenntnis- und anekdotenreich geschriebene Essays der Musikpublizisten James Jolly, Rüdiger Albrecht, Dagmar von Taube und des Karajan-Biografen Peter Uehling enthält.
Herbert von Karajan & Berliner Philharmoniker – Live in Berlin 1953-1969
Werke von J. S. Bach, Beethoven, Brahms Bruckner, R. Strauss, Ligeti, Schumann u. v. m.
Berliner Philharmoniker Recordings