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Interview Joyce DiDonato

„Lebe im Hier und Jetzt!“

Joyce DiDonato reflektiert über die Kraft der Musik, ihre künstlerische Mission und den Mut, trotz globaler Krisen weiterzumachen.

vonAndré Sperber,

Die Mezzosopranistin ­Joyce DiDonato ist nicht nur eine der gefeiertsten Sängerinnen unserer Zeit, sondern auch eine leidenschaftliche Verfechterin gesellschaftlich relevanter Themen. Im März kuratiert sie am Konzerthaus Dortmund ihr eigenes Festival und reflektiert im Gespräch über die Kraft der Musik, ihre künstlerische Mission und den Mut, trotz globaler Krisen weiterzumachen.

Neben der Musik engagieren Sie sich in vielen sozialen und politischen Bereichen. Man könnte meinen, dass Sie auch auf der Bühne nichts ohne einen tieferen Hintergrund tun. 

Joyce DiDonato: Ich habe nie bewusst entschieden, Aktivistin zu sein. Aber ich verstehe nicht, wie man sich als Künstler nicht mit solchen Themen auseinandersetzen kann. Wenn ich Figuren wie Maria Stuarda verkörpere, eine politische Feministin ihrer Zeit, oder Rollen wie Sister Helen Prejean, die sich für Gerechtigkeit einsetzt, oder Dido, eine Königin, die durch Kunst eine Zivilisation aufgebaut hat: Dann kann ich nicht einfach nur die Noten singen. Ich denke und fühle mich in diese Figuren hinein und ergründe, was sie uns über die Welt und uns selbst sagen. Für mich ist Musik keine leere Hülle, kein bloßer Klang. Es geht immer um die Botschaft dahinter. Auch Mahlers „Rückert-Lieder“ sind weit mehr als nur schöne Melodien. Es geht um Liebe, Verlust, Hoffnung – das Menschsein. All diese Werke erzählen Geschichten, die gehört werden müssen. Für mich ist Kunst ein Spiegel der Welt, ein Ruf zum Handeln und eine Einladung, tiefer zu blicken.

Wenn man sieht, was zurzeit in der Welt passiert: Kriege, Klimakrise, politische Missverhältnisse – woher nehmen Sie die Kraft, mit Ihren Projekten weiterzumachen und zuversichtlich zu bleiben?

DiDonato: Hätten Sie mich das am 6. November 2024, dem Tag von Donald Trumps Wiederwahl gefragt, hätte ich Ihnen gesagt, dass ich überhaupt keine Kraft mehr habe. Doch dann hatte ich ein Gespräch mit der realen Schwester Helen Prejean – die Nonne und Aktivistin, die „Dead Man Walking“ geschrieben hat. Sie setzt sich in Louisiana für die Abschaffung der Todesstrafe ein. Ich spielte sie in Jake Heggies gleichnamiger Oper, und wir freundeten uns im echten Leben an. Ich habe etwa eine Woche nach der Wahl mit ihr gesprochen, und sie sagte: „Joyce, ich bin am Boden zerstört. Aber ich kenne meinen Weg, meine Arbeit war nie so wichtig, meine Mission nie so klar wie jetzt.“ Das hat mich tief beeindruckt, und ich dachte: Okay, ich kann nicht länger den Kopf in den Sand stecken. Auch ich muss weitermachen. Musik kann trösten, inspirieren und Menschen zusammenbringen. Es geht nicht darum, die Welt zu verändern, aber man muss nutzen, was man hat, um es zu versuchen. Ich habe eine Stimme, und ich muss sie einsetzen.

Ihr Repertoire reicht von Barockmusik bis zu Zeitgenössischem. Wie wählen Sie aus, wenn Sie ein Konzert oder wie jetzt am Konzerthaus Dortmund ein Festival kuratieren?

DiDonato: Ich habe einen riesigen musikalischen Appetit. Händel, Mozart und das Belcanto-Repertoire waren von Anfang an so etwas wie meine musikalische Basis. Aber gleichzeitig versuche ich, mich in viele verschiedene Richtungen weiterzuentwickeln. Zeitgenössische Musik, aber auch viel französisches und deutsches Repertoire habe ich in den letzten Jahren für mich neu entdeckt. Das alles nährt sich gegenseitig, und es ist sehr schön, wenn man aus einer so großen Palette schöpfen kann, um spannende Programme zu entwickeln, die einem inneren Zusammenhang folgen.

Ihr Festival „Joyce DiDonato & Friends“ startet im März. Dort bringen Sie auch einen Liederzyklus der Filmkomponistin Rachel Portman zur Uraufführung, den Sie selbst beauftragt haben.

DiDonato: Bei meinem Projekt „Eden“, mit dem ich in den vergangenen Jahren auf Tour war, haben wir ein Stück namens „The First Morning of the World“ bei Rachel Portman in Auftrag gegeben. Das Lied gefiel mir so gut, dass ich sie und den Texter Gene Scheer fragte, ob wir daraus nicht einen ganzen Zyklus machen könnten. Beide waren begeistert von der Idee. Es ist wahnsinnig aufregend, Teil des kreativen Prozesses zu sein, und ich freue mich sehr darauf zu sehen, wie sich dieses Werk entfaltet.

Mit dem Oratorium „Jephtha“ ist auch ein Werk von Georg Friedrich Händel dabei. Stimmt es, dass seine Musik eine Art Heimat für Sie ist? 

DiDonato: Das stimmt zu eintausend Prozent. Egal wo ich musikalisch hingehe, irgendwann lande ich immer wieder bei Händel. Oft fragt man mich, wer mein Lieblingskomponist sei. Das ist in etwa so, als würde man fragen: Welches deiner Kinder hast du am liebsten? So was kann man nicht beantworten. Aber ich denke dennoch: Letzten Endes bin ich als Künstlerin durch Händel mehr gewachsen und habe durch seine Musik mehr gelernt als durch jeden anderen Komponisten.

Woher kommt dieser starke Händel-Bezug?

DiDonato: Meine erste Händel-Oper sang ich 2001 in Amsterdam als Sesto in „Giulio Cesare“. Händel hat so viele außergewöhnliche Rollen geschrieben: Alcina, Ariodante, Agrippina, Floridante – die Bandbreite an Emotionen, an Menschlichkeit und Wahrheit in seiner Musik ist einfach umwerfend. Aber was ich vielleicht am meisten bei ihm liebe, ist die Freiheit. Bei Werken etwa von Berlioz, Massenet oder Mahler ist alles klar durchdacht und präzise notiert. Um große Wirkung zu erzielen, muss ich eigentlich nur treu der Partitur folgen und muss bei der Interpretation wenig selbst entscheiden. Händel dagegen gibt dir nur ein musikalisches Skelett. Das Fleisch und die Muskeln musst du selber draufpacken. Das gibt einem die Möglichkeit, es jedes Mal anders zu machen und es immer wieder zu verändern. Das ist sehr befreiend.

Singt barocke Preziosen von Händel ebenso wie zeitgenössische Opern: Joyce DiDonato
Singt barocke Preziosen von Händel ebenso wie zeitgenössische Opern: Joyce DiDonato

Was hat Sie ursprünglich zur klassischen Musik hingezogen? 

DiDonato: Ich bin in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen. Mein Vater war der Leiter des örtlichen Kirchenchors. Sie sangen dort Musik von Byrd und Palestrina – die echten Urgesteine sozusagen. Da wurde meine Liebe zur Chormusik geboren, die bis heute besteht. Als ich später an die Universität kam, wollte ich eigentlich Chorlehrerin werden. Aber dann hat mich die Opernwelt gepackt, und nach einer Weile habe ich mich voll und ganz auf die Oper eingelassen. Trotzdem hat mich der Wunsch zu unterrichten nie losgelassen.

Musikvermittlung spielt auch weiterhin eine große Rolle für Sie. Aber als Künstlerin erreichen Sie heute sicher mehr Menschen, als Sie es als Lehrerin getan hätten.

DiDonato: Vielleicht, wobei man natürlich als Musiklehrer nie genau sagen kann, wie viel Einfluss man wirklich hat. Wenn man von hundert Kindern nur eines inspiriert, kann das bereits alles verändern. Denn auch dieses eine Kind wird wieder andere inspirieren und so weiter. Das macht diesen Beruf auch so faszinierend. Bildung ist für mich eine Art Nordstern, deshalb nutze ich jede Gelegenheit, Menschen denselben Zugang zur Leidenschaft und transformativen Kraft der Musik zu verschaffen, wie ich ihn in meinem Leben hatte.

Sie sagten einmal, man solle sich immer auf den Weg konzentrieren, nicht auf das Ergebnis. Beeinflusst dieser Ansatz auch Ihre eigene künstlerische Laufbahn?

DiDonato: Auf jeden Fall, denn darin liegt die Freiheit, den Moment zu leben. Sobald man anfängt, nur an das Ergebnis zu denken, verliert man die Freude, die Neugier, das Spielerische. Sich gedanklich schon zu Beginn der Arie auf die hohe Note am Ende zu stürzen, kann fatal sein. Auch gibt es Dinge, die man nicht beeinflussen kann: Was werden die Kritiker sagen? Wie viel Beifall bekomme ich? Mögen mich die Leute? Daran schon während der Vorbereitung, während des Entstehungsprozesses zu denken, lenkt ab vom eigentlichen Sinn und Zweck des Auftritts. Ich halte es damit wie die großen Zen-Meister: Lebe im Hier und Jetzt!

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Album Cover für Puts: The Hours

Puts: The Hours

Joyce DiDonato (Virginia Woolf), Renée Fleming (Clarissa Vaughan), Denyce Graves (Sally), Tony Stevenson (Walter), Sean Panikkar (Leonard Woolf), The Metropolitan Opera Orchestra & Chorus, Yannick Nézet-Séguin (Leitung) Erato

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